Freitag, 11. April 2014

OHNE PERSPEKTIVE


Ein etwas älterer Text, inspiriert durch Erich Kästner’s „Die unverstandene Frau“


 
Ein Mann mittleren Alters betritt in grosser Eile den Zug. Hinter ihm eine Menschenmasse folgend. Er ist ausser Atem und schwitzt sehr stark. Es scheint, als wäre er gerade gerannt. Hektisch, nach einem Sitzplatz suchend, schaut er um sich, versucht sich durch die vielen Leute hindurch zu quetschen und als er dann vor mir steht, da kann man ihm die Enttäuschung im Gesicht ablesen. Es ist nicht nur Enttäuschung, sondern auch eine gewisse Wut, vorwurfsvoll. „Ich dachte dieser Platz hier wäre frei“, entgegnet er mir mit leichter Abschätzung. Ich lächle verschämt und schaue zu ihm empor. Wir beide schweigen uns an.
Dann sagt er plötzlich: „Sie haben’s unheimlich gut, wissen Sie das?“ Ich weiss nicht genau was mit diesem Mann los ist und was er heute schon alles erlebt hat, aber diese Bemerkung will ich nicht einfach so auf mir sitzen lassen. „Wie meinen Sie das, wenn ich fragen darf?“ und der Mann, dessen Atem jetzt um einiges ruhiger geworden ist, entgegnet: „Immer und überall haben Sie einen Sitzplatz! Das wäre mein Traum!“ Irritiert schaue ich den Herren an, nicht genau wissend was ich jetzt sagen soll und alles was ich rausbringen kann ist ein: „Ehm…“ „Zudem, was man auch noch anmerken muss, bekommen Sie Geld, ohne dass Sie arbeiten oder etwas tun müssen!“ Was der Mann da sagt verletzt und enttäuscht mich. Wie gerne würde ich wieder jeden Tag meine morgendliche Runde joggen. „Entschuldigen Sie, nun aber mal halblang. Wissen Sie eigentlich was Sie da von sich geben?“ Aber er versteht mich nicht und redet weiter auf mich ein: „Ist Ihnen bereits aufgefallen, Sie müssen kaum etwas sagen, nur mit dem Finger schnipsen und alles ist in bester Ordnung, jedermann hilft Ihnen!“ Einige Leute sind ausgestiegen, Sitzplätze sind freigeworden. „Also, das wird mir jetzt ein bisschen zu viel, werter Herr, würden Sie…“, aber er unterbricht mich, nein er ignoriert mich und führt seine Beschuldigungen fort: „Da fällt mir ein, Sie müssen nicht einmal ein einziges Wort sagen und jeder Mensch hilft Ihnen! Man opfert sich Ihnen auf, noch bevor Sie darum gebeten haben!“ Ich fühle mich belästigt und ganz klar ungerecht beschuldigt „Können Sie mich bitte in Ruhe lassen, ich finde…“ aber er redet weiter auf mich ein, immer lauter und wütender. Wie er da steht, sich über mich beugend, mit einer aggressiven und beschuldigenden Stimme. Ein Fremder, der mich nicht kennt, der nichts von mir weiss. Er hat keine Ahnung, was es heisst an einen Stuhl gefesselt zu sein. Auf Hilfe angewiesen zu sein. Er wird für mich lautlos.

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