Ein etwas älterer Text, inspiriert durch Erich Kästner’s „Die unverstandene Frau“
Ein Mann mittleren Alters betritt in grosser Eile den Zug. Hinter ihm
eine Menschenmasse folgend. Er ist ausser Atem und schwitzt sehr stark. Es
scheint, als wäre er gerade gerannt. Hektisch, nach einem Sitzplatz suchend,
schaut er um sich, versucht sich durch die vielen Leute hindurch zu quetschen
und als er dann vor mir steht, da kann man ihm die Enttäuschung im Gesicht
ablesen. Es ist nicht nur Enttäuschung, sondern auch eine gewisse Wut,
vorwurfsvoll. „Ich dachte dieser Platz hier wäre frei“, entgegnet er mir mit
leichter Abschätzung. Ich lächle verschämt und schaue zu ihm empor. Wir beide
schweigen uns an.
Dann sagt er plötzlich:
„Sie haben’s unheimlich gut, wissen Sie das?“ Ich weiss nicht genau was mit
diesem Mann los ist und was er heute schon alles erlebt hat, aber diese
Bemerkung will ich nicht einfach so auf mir sitzen lassen. „Wie meinen Sie das,
wenn ich fragen darf?“ und der Mann, dessen Atem jetzt um einiges ruhiger
geworden ist, entgegnet: „Immer und überall haben Sie einen Sitzplatz! Das wäre
mein Traum!“ Irritiert schaue ich den Herren an, nicht genau wissend was ich
jetzt sagen soll und alles was ich rausbringen kann ist ein: „Ehm…“ „Zudem, was
man auch noch anmerken muss, bekommen Sie Geld, ohne dass Sie arbeiten oder
etwas tun müssen!“ Was der Mann da sagt verletzt und enttäuscht mich. Wie gerne
würde ich wieder jeden Tag meine morgendliche Runde joggen. „Entschuldigen Sie,
nun aber mal halblang. Wissen Sie eigentlich was Sie da von sich geben?“ Aber
er versteht mich nicht und redet weiter auf mich ein: „Ist Ihnen bereits
aufgefallen, Sie müssen kaum etwas sagen, nur mit dem Finger schnipsen und
alles ist in bester Ordnung, jedermann hilft Ihnen!“ Einige Leute sind
ausgestiegen, Sitzplätze sind freigeworden. „Also, das wird mir jetzt ein
bisschen zu viel, werter Herr, würden Sie…“, aber er unterbricht mich, nein er
ignoriert mich und führt seine Beschuldigungen fort: „Da fällt mir ein, Sie
müssen nicht einmal ein einziges Wort sagen und jeder Mensch hilft Ihnen! Man
opfert sich Ihnen auf, noch bevor Sie darum gebeten haben!“ Ich fühle mich
belästigt und ganz klar ungerecht beschuldigt „Können Sie mich bitte in Ruhe
lassen, ich finde…“ aber er redet weiter auf mich ein, immer lauter und
wütender. Wie er da steht, sich über mich beugend, mit einer aggressiven und
beschuldigenden Stimme. Ein Fremder, der mich nicht kennt, der nichts von mir
weiss. Er hat keine Ahnung, was es heisst an einen Stuhl gefesselt zu sein. Auf
Hilfe angewiesen zu sein. Er wird für mich lautlos.
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