Dienstag, 29. April 2014

Mahagoni




Da war plötzlich dieses helle, in meinen Augen stechende Licht. Hoch oben am Horizont. Wahrscheinlich war das schon länger da. Doch urplötzlich musste ich mein Gesicht zu einem Katzenpo ähnlichen Knitterkuchen zusammenziehen. Nur schon damit war ich etwas überfordert, aber als dann völlig aus dem Nichts dieses – ja wer hätte das Gedacht – Auto dahergebraust kam, war ich doch etwas zu sehr überrumpelt und fühlte mich aus der Bahn geschmissen, also quasi im freien Fall. Doch dies war erst der Anfang. Unfassbar, dass da ein Mann ausstieg, der eine Aktentasche in der Farbe Mahagoni in der einen und einen pechschwarzen Regenschirm in der anderen Hand hielt. Zu allem hin war sein Mantel beige. Am seltsamsten aber erschien mir die Tatsache, dass er sich zweimal für die Mitfahrt bedankte. Ich meine, was läuft bei dem bitteschön falsch? Den Gipfel erklomm er aber, meiner aufmerksamen Beobachtung nach, indem er doch im wahrsten Sinne des Wortes zweimal das Auto wie ein Pferd tätschelte, es beklopfte und dann lässig mit der Hand wuschelnd – was wahrscheinlich ein Winken hätte symbolisieren sollen – davon stolzierte.

Freitag, 11. April 2014

OHNE PERSPEKTIVE


Ein etwas älterer Text, inspiriert durch Erich Kästner’s „Die unverstandene Frau“


 
Ein Mann mittleren Alters betritt in grosser Eile den Zug. Hinter ihm eine Menschenmasse folgend. Er ist ausser Atem und schwitzt sehr stark. Es scheint, als wäre er gerade gerannt. Hektisch, nach einem Sitzplatz suchend, schaut er um sich, versucht sich durch die vielen Leute hindurch zu quetschen und als er dann vor mir steht, da kann man ihm die Enttäuschung im Gesicht ablesen. Es ist nicht nur Enttäuschung, sondern auch eine gewisse Wut, vorwurfsvoll. „Ich dachte dieser Platz hier wäre frei“, entgegnet er mir mit leichter Abschätzung. Ich lächle verschämt und schaue zu ihm empor. Wir beide schweigen uns an.
Dann sagt er plötzlich: „Sie haben’s unheimlich gut, wissen Sie das?“ Ich weiss nicht genau was mit diesem Mann los ist und was er heute schon alles erlebt hat, aber diese Bemerkung will ich nicht einfach so auf mir sitzen lassen. „Wie meinen Sie das, wenn ich fragen darf?“ und der Mann, dessen Atem jetzt um einiges ruhiger geworden ist, entgegnet: „Immer und überall haben Sie einen Sitzplatz! Das wäre mein Traum!“ Irritiert schaue ich den Herren an, nicht genau wissend was ich jetzt sagen soll und alles was ich rausbringen kann ist ein: „Ehm…“ „Zudem, was man auch noch anmerken muss, bekommen Sie Geld, ohne dass Sie arbeiten oder etwas tun müssen!“ Was der Mann da sagt verletzt und enttäuscht mich. Wie gerne würde ich wieder jeden Tag meine morgendliche Runde joggen. „Entschuldigen Sie, nun aber mal halblang. Wissen Sie eigentlich was Sie da von sich geben?“ Aber er versteht mich nicht und redet weiter auf mich ein: „Ist Ihnen bereits aufgefallen, Sie müssen kaum etwas sagen, nur mit dem Finger schnipsen und alles ist in bester Ordnung, jedermann hilft Ihnen!“ Einige Leute sind ausgestiegen, Sitzplätze sind freigeworden. „Also, das wird mir jetzt ein bisschen zu viel, werter Herr, würden Sie…“, aber er unterbricht mich, nein er ignoriert mich und führt seine Beschuldigungen fort: „Da fällt mir ein, Sie müssen nicht einmal ein einziges Wort sagen und jeder Mensch hilft Ihnen! Man opfert sich Ihnen auf, noch bevor Sie darum gebeten haben!“ Ich fühle mich belästigt und ganz klar ungerecht beschuldigt „Können Sie mich bitte in Ruhe lassen, ich finde…“ aber er redet weiter auf mich ein, immer lauter und wütender. Wie er da steht, sich über mich beugend, mit einer aggressiven und beschuldigenden Stimme. Ein Fremder, der mich nicht kennt, der nichts von mir weiss. Er hat keine Ahnung, was es heisst an einen Stuhl gefesselt zu sein. Auf Hilfe angewiesen zu sein. Er wird für mich lautlos.

NEUJAHRS REDE 31.12. 2012

Wieso müssen eigentlich Neujahrsreden immer an Neujahr sein?




«Nun, liebe Anwesenden, möchte ich am letzten Tag dieses Jahres für wenige Minuten um Ihre Aufmerksamkeit bitten. In wenigen  Stunden werden wir alle auf ein neues Jahr anstossen, aber was ist das schon, was bedeutet das Erklingen unserer Gläser, was ist so anders an diesem, ja am heutigen Abend? Lassen Sie mich einige meiner Gedanken loswerden.



Eigentlich ist es doch ein ganz normaler Abend wie jeder andere, nur eben, dass sozusagen überall auf der Welt ein faszinierendes, farbenprächtiges, ja sogar fesselndes Feuerwerk am Himmel erleuchtet und Menschen miteinander auf den neuen Jahresanfang anstossen und diesen Abend als beste Möglichkeit für einen Neustart sehen.
Für viele bedeutet ein Neustart, sich Vorsätze für das neue Jahr zu machen. Ich behaupte viele wissen eigentlich bereits, dass sie sich so oder so nicht and ihre Vorsätze halten oder halten können. Ich weiss es nicht. Haben Sie sich Vorsätze gemacht? Haben Sie sich all Ihre geplanten Änderungen fein säuberlich irgendwo auf einem Zettelchen notiert? Na, halten Sie das nicht für schwachsinnig? Ich meine, sind wir ehrlich, wenn wir wirklich etwas ändern wollen, ist es bestimmt nicht nötig sich diese Dinge als „neue Regeln“ aufzuhetzen und sich dem Druck dieser Vorsätze der auf einem herrscht, auszusetzen. Wäre es uns wichtig etwas zu ändern, dann würden wir es dann ändern, wenn es geändert werden muss und nicht etwa einfach mal etwas ändern wollen weil es uns grad zeitlich passt, da ja das neue Jahr beginnt.

Ich persönlich finde Jahresvorsätze vergeudete Zeit. Eine viel sinnvollere Investition wäre es, wenn man sich einfach einige Minuten Zeit nimmt und einmal an das vergangene Jahr zurückdenkt, versucht Erinnerungen abzurufen und sich in diesen Erinnerungen vertieft.

Und wenn Sie sich Gedanken über das neue, kommende Jahr machen, dann seien Sie weder Pessimist noch Optimist, seien Sie ganz einfach Realist. Denken Sie beispielsweise bitte nicht; Ohweh, es ist das Jahr 2013, 13 ist eine Unglückszahl, das heisst es wird viel Schlechtes in diesem Jahr passieren. Aber andererseits vergessen Sie bitte auch nicht, dass sich dieses Jahr nicht ohne Verluste oder irgendwelchen Katastrophen und Problemen zeigen kann.

Nun, wenn ich an mein kommendes Jahr denke, dann fallen mir einige Dinge besonders dazu ein: Ich werde reisen, mich viel mit der Photographie beschäftigen und damit verbunden an meiner Maturaarbeit arbeiten. Reisende werden wieder in ihre Heimat zurückkehren und ich werde sie nach langer Zeit wieder in die Arme schliessen können. In der Hälfte des Jahres werde ich meinen 18. Geburtstag feiern. Bis heute in 365 Tagen werde ich hoffentlich meine Autoprüfung bestanden haben und kurz vor dem Jahresende werde ich und natürlich auch die meisten von Ihnen, die Maturaarbeit präsentieren dürfen.

Und dann, dann sind diese 52 Wochen, diese 365 Tage auch schon wieder verflogen und ich werde mich, wie heute, wieder fragen müssen, wo dieses Jahr bloss hin ist, aber bis dahin bleibt uns allen noch eine lange und schöne Zeit.


Wir dürfen nicht ausser Acht lassen, dass wir fremden Menschen begegnen werden und diese vielleicht sogar unsere Freunde werden. Dass wir weiterhin neue Dinge lernen, sehen und weiterhin über alles staunen dürfen. Dass wir unseren Gefühlen, sei es Liebe oder Hass, stets freien Lauf lassen sollten.

Und letzten Endes ist doch ein neues Jahr nichts spezielles, es ist wie das Vergangene.

Nur eben anders!



Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen Abend!»

Ob nun heute Silvester ist und morgen nach Kalender das neue Jahr beginnt, spielt doch schlussendlich überhaupt gar keine Rolle.

Hilflos






Man hört Baustellenlärm. Der grosse weisse Kran dreht sich und ein Arbeiter mit einem gelben Schutzhelm läuft an mir vorbei. Mein Blick gleitet auf dem Boden entlang bis zu diesem riesigen Loch. Mitten in der Stadt ist diese Leere, die alle Menschen an das Geschehene erinnert. Ich spüre, wie eine Träne auf meiner Wange hinunterläuft. Ich kann mich an jeden einzelnen Moment erinnern.

Damals war es ein warmer und sonniger Tag. Ich hatte frei und lief gerade Richtung Bank, als ich ein kleines Mädchen sagen hörte: „Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!“ Ihre Mutter zog sie ohne Beachtung weiter. Plötzlich rief das Mädchen: „Schau Mama, schau Mama! Ein Flugzeug, Mama!“ Ich drehte meinen Köpf ebenfalls nach rechts und ich sah es auch. Es flog direkt auf die beiden Hochhäuser zu. Es fühlte sich an, als wäre ich in einer anderen Welt gewesen. Um mich herum sind mittlerweile auch andere Leute aufmerksam geworden, die Autofahrer hielten ihre Wagen an, stiegen aus und schauten entsetzt zu den Hochhäusern. Das Flugzeug flog direkt auf das Hochhaus zu. Um mich herum hörte ich, wie der Atem angehalten wurde. Dann ertönte ein schreckliches Geräusch und alles schien wie in einem furchtbaren Film. Die Menschen standen verwurzelt da, mitten auf der Strasse. Die Stadt stand für kurze Zeit still. Einige Menschen um mich herum brachen in Tränen aus, die Frau neben mir sagte: „Gott segne diese Menschen!“ Plötzlich verlief alles ganz schnell, ich sah eine Menschenmasse auf mich zukommen, der Boden vibrierte. „Was ist denn in dem Haus?“, fragte das Mädchen ihre Mutter und diese antwortete nur: „Komm Linda, wir müssen sofort hier weg! Es ist zu gefährlich!“ Sie nahm ihre Tochter wieder bei der Hand und sie verschwanden hinter der nächsten Strassenecke. Ich lief intuitiv der Menschenmasse entgegen. Für mich waren es gefühlte Stunden, die ich brauchte um mich durch eine panische Menschenmenge zu quetschen. Dann passierte etwas Unfassbares, ein zweites Flugzeug flog in das andere Hochhaus! „Wo bin ich? Weshalb weckt mich niemand aus diesem Alptraum?“ sagte ich vor mich hin. Ich versuchte nun den Menschen den Weg zu weisen, doch für viele andere war es bereits zu spät. Sie wurden unter den Trümmern, der eingestürzten Hochhäuser verschüttet.

Man konnte fast nichts erkennen. Ich hörte Menschen die um Hilfe schrien, Menschen die Namen ihrer Angehörigen schrien. Man konnte den Schmerz spüren. Den Schmerz der Verletzten und der Suchenden. Meine Kollegen waren lange zuvor eingetroffen, sie versuchten zu helfen, zu bergen. Menschenleben zu retten. Einige Meter entfernt, hörte ich eine tiefe Männerstimme. Zuerst entdeckte ich eine Hand, dann seinen ganzen Körper, der eingeklemmt war. Der Mann lag da, sein Kopf war verletzt, er blutete. Ich versuchte ihm zu helfen, doch sein Unterkörper war vollkommen eingeklemmt. Er schrie vor Schmerzen und ich versuchte ihn zu beruhigen: „Mein Name ist Steward Nilsson“ Mühselig antwortete er: „Bob, mein Name ist Bob“, mehr konnte er nicht sagen. „Ich bin bei Ihnen, Bob“, ich legte meine Hand auf seine Schulter, „wir werden Sie hier rausholen!“ Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, seine tiefbraunen Augen sahen mich an. „Ich werde nicht weggehen Bob, ich versuche Hilfe zu holen!“ Ich richtete meinen Oberkörper auf und versuchte irgendjemanden zu finden. In meinem Kopf war alles klar, ich wusste eigentlich was zu tun war, das war mein Beruf. Ich schrie um Hilfe, meine Kollegen hätten mir helfen können, doch da war niemand. In weiter Ferne hörte ich die Sirenen. Ich kniete mich wieder zu Bob. „Bob, hören Sie die Sirenen? Hilfe wird bald da sein!“ Ich versuchte weiter seinen Unterkörper aus den Trümmern zu ziehen, aber ich hatte keine Chance. Alleine hatte ich keine Kraft, trotz dem Adrenalinschub, den ich verspürte. „Bob, wo kommen Sie her?“, fragte ich ihn. Er gab mir keine Antwort. Ich kniete mich zu ihm hin und fragte noch einmal: „Wo kommen Sie her, Bob?“ – Nichts. Keine Antwort. War es zu spät? Das kann nicht sein, er darf nicht tot sein. Mir wurde heiss und kalt. Noch einmal versuchte ich ihn heraus zu ziehen und sagte immer wieder seinen Namen. War es zu spät oder habe ich versagt? „Steward“, sagte er auf einmal mit ganz leiser Stimme, „Steward, bitte richten Sie meiner Frau, Mary aus, dass mir der Streit von heute morgen unendlich leid tut!“ – „Bob nein! Sie werden es ihr selbst sagen können, ich hole Sie da raus! Aber Sie müssen nun tapfer bleiben!“ Er unterbrach: „und dass ich sie liebe, meine Tochter Linda, ich liebe sie!“ Ich sah, wie sich seine Augen schlossen.

Er war tot.

Heute stehe ich hier und sehe dieses Loch, Jahre danach. Jetzt wird hier ein neues Gebäude gebaut. Hier, wo viele Menschen ihre Familie oder ihr Leben verloren.

Mein Blick löst sich vom Boden, ich drehe mich um und der Baustellenlärm wird leiser, bis er ganz verschwindet.

Sonntag, 23. Februar 2014

Der Raum hinter den rechteckigen Guckfenstern





Der Gestank dringt bereits in meine Nase, obwohl ich von diesem scheusslichen Ort noch einige Meter entfernt bin. Es durchzuckt mich ein Gefühl von Ekel. Es ist laut und zu sehen ist nicht viel. Die beiden kleinen, rechteckigen Guckfenster in der Flügeltür, die sich am Ende dieses langen Gangs befinden, lassen schwache Lichtkegel in die bedrückende Dunkelheit werfen. Mein Gang ist alles andere als gemächlich und von Wut angeheizt stürze ich mich in Richtung Flügeltür. Mein Atem ist schnell, intensiv, doch dieser durchdringende Gestank bringt mich dazu, mein Schritttempo zu verlangsamen und mich schrittweise an diesen Ort anzunähern. Die rechteckigen Fenster lassen mich erahnen, wie schlimm es hinter ihnen zu und hergeht und was für Gräueltaten sich in diesen mit ekligem Neonlicht beleuchteten Räumlichkeiten abspielen. Mich durchstösst ein Stich, ein Schmerzender und ich bemerke, wie ich meinen Atem anhalte. Was ich da sehe, wünschte ich nie gesehen zu haben. Auch, wenn ich wusste, wie schlimm es ist, habe ich es mir nie so vorgestellt.