Man hört Baustellenlärm. Der grosse weisse Kran dreht sich und ein Arbeiter mit einem gelben Schutzhelm läuft an mir vorbei. Mein Blick gleitet auf dem Boden entlang bis zu diesem riesigen Loch. Mitten in der Stadt ist diese Leere, die alle Menschen an das Geschehene erinnert. Ich spüre, wie eine Träne auf meiner Wange hinunterläuft. Ich kann mich an jeden einzelnen Moment erinnern.
Damals war es
ein warmer und sonniger Tag. Ich hatte frei und lief gerade Richtung Bank, als
ich ein kleines Mädchen sagen hörte: „Ich möchte einen blauen Ballon haben!
Einen blauen Ballon möchte ich haben!“ Ihre Mutter zog sie ohne Beachtung
weiter. Plötzlich rief das Mädchen: „Schau Mama, schau Mama! Ein Flugzeug,
Mama!“ Ich drehte meinen Köpf ebenfalls nach rechts und ich sah es auch. Es
flog direkt auf die beiden Hochhäuser zu. Es fühlte sich an, als wäre ich in
einer anderen Welt gewesen. Um mich herum sind mittlerweile auch andere Leute
aufmerksam geworden, die Autofahrer hielten ihre Wagen an, stiegen aus und schauten
entsetzt zu den Hochhäusern. Das Flugzeug flog direkt auf das Hochhaus zu. Um
mich herum hörte ich, wie der Atem angehalten wurde. Dann ertönte ein
schreckliches Geräusch und alles schien wie in einem furchtbaren Film. Die
Menschen standen verwurzelt da, mitten auf der Strasse. Die Stadt stand für
kurze Zeit still. Einige Menschen um mich herum brachen in Tränen aus, die Frau
neben mir sagte: „Gott segne diese Menschen!“ Plötzlich verlief alles ganz
schnell, ich sah eine Menschenmasse auf mich zukommen, der Boden vibrierte.
„Was ist denn in dem Haus?“, fragte das Mädchen ihre Mutter und diese
antwortete nur: „Komm Linda, wir müssen sofort hier weg! Es ist zu gefährlich!“
Sie nahm ihre Tochter wieder bei der Hand und sie verschwanden hinter der
nächsten Strassenecke. Ich lief intuitiv der Menschenmasse entgegen. Für mich
waren es gefühlte Stunden, die ich brauchte um mich durch eine panische
Menschenmenge zu quetschen. Dann passierte etwas Unfassbares, ein zweites
Flugzeug flog in das andere Hochhaus! „Wo bin ich? Weshalb weckt mich niemand
aus diesem Alptraum?“ sagte ich vor mich hin. Ich versuchte nun den Menschen
den Weg zu weisen, doch für viele andere war es bereits zu spät. Sie wurden
unter den Trümmern, der eingestürzten Hochhäuser verschüttet.
Man konnte fast
nichts erkennen. Ich hörte Menschen die um Hilfe schrien, Menschen die Namen
ihrer Angehörigen schrien. Man konnte den Schmerz spüren. Den Schmerz der
Verletzten und der Suchenden. Meine Kollegen waren lange zuvor eingetroffen,
sie versuchten zu helfen, zu bergen. Menschenleben zu retten. Einige Meter
entfernt, hörte ich eine tiefe Männerstimme. Zuerst entdeckte ich eine Hand,
dann seinen ganzen Körper, der eingeklemmt war. Der Mann lag da, sein Kopf war
verletzt, er blutete. Ich versuchte ihm zu helfen, doch sein Unterkörper war
vollkommen eingeklemmt. Er schrie vor Schmerzen und ich versuchte ihn zu
beruhigen: „Mein Name ist Steward Nilsson“ Mühselig antwortete er: „Bob, mein
Name ist Bob“, mehr konnte er nicht sagen. „Ich bin bei Ihnen, Bob“, ich legte
meine Hand auf seine Schulter, „wir werden Sie hier rausholen!“ Er schenkte mir
ein kurzes Lächeln, seine tiefbraunen Augen sahen mich an. „Ich werde nicht
weggehen Bob, ich versuche Hilfe zu holen!“ Ich richtete meinen Oberkörper auf
und versuchte irgendjemanden zu finden. In meinem Kopf war alles klar, ich
wusste eigentlich was zu tun war, das war mein Beruf. Ich schrie um Hilfe, meine
Kollegen hätten mir helfen können, doch da war niemand. In weiter Ferne hörte
ich die Sirenen. Ich kniete mich wieder zu Bob. „Bob, hören Sie die Sirenen?
Hilfe wird bald da sein!“ Ich versuchte weiter seinen Unterkörper aus den
Trümmern zu ziehen, aber ich hatte keine Chance. Alleine hatte ich keine Kraft,
trotz dem Adrenalinschub, den ich verspürte. „Bob, wo kommen Sie her?“, fragte
ich ihn. Er gab mir keine Antwort. Ich kniete mich zu ihm hin und fragte noch
einmal: „Wo kommen Sie her, Bob?“ – Nichts. Keine Antwort. War es zu spät? Das
kann nicht sein, er darf nicht tot sein. Mir wurde heiss und kalt. Noch einmal
versuchte ich ihn heraus zu ziehen und sagte immer wieder seinen Namen. War es
zu spät oder habe ich versagt? „Steward“, sagte er auf einmal mit ganz leiser
Stimme, „Steward, bitte richten Sie meiner Frau, Mary aus, dass mir der Streit
von heute morgen unendlich leid tut!“ – „Bob nein! Sie werden es ihr selbst
sagen können, ich hole Sie da raus! Aber Sie müssen nun tapfer bleiben!“ Er
unterbrach: „und dass ich sie liebe, meine Tochter Linda, ich liebe sie!“ Ich
sah, wie sich seine Augen schlossen.
Er war tot.
Heute stehe ich
hier und sehe dieses Loch, Jahre danach. Jetzt wird hier ein neues Gebäude
gebaut. Hier, wo viele Menschen ihre Familie oder ihr Leben verloren.
Mein Blick löst
sich vom Boden, ich drehe mich um und der Baustellenlärm wird leiser, bis er
ganz verschwindet.

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