Freitag, 11. April 2014

Hilflos






Man hört Baustellenlärm. Der grosse weisse Kran dreht sich und ein Arbeiter mit einem gelben Schutzhelm läuft an mir vorbei. Mein Blick gleitet auf dem Boden entlang bis zu diesem riesigen Loch. Mitten in der Stadt ist diese Leere, die alle Menschen an das Geschehene erinnert. Ich spüre, wie eine Träne auf meiner Wange hinunterläuft. Ich kann mich an jeden einzelnen Moment erinnern.

Damals war es ein warmer und sonniger Tag. Ich hatte frei und lief gerade Richtung Bank, als ich ein kleines Mädchen sagen hörte: „Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!“ Ihre Mutter zog sie ohne Beachtung weiter. Plötzlich rief das Mädchen: „Schau Mama, schau Mama! Ein Flugzeug, Mama!“ Ich drehte meinen Köpf ebenfalls nach rechts und ich sah es auch. Es flog direkt auf die beiden Hochhäuser zu. Es fühlte sich an, als wäre ich in einer anderen Welt gewesen. Um mich herum sind mittlerweile auch andere Leute aufmerksam geworden, die Autofahrer hielten ihre Wagen an, stiegen aus und schauten entsetzt zu den Hochhäusern. Das Flugzeug flog direkt auf das Hochhaus zu. Um mich herum hörte ich, wie der Atem angehalten wurde. Dann ertönte ein schreckliches Geräusch und alles schien wie in einem furchtbaren Film. Die Menschen standen verwurzelt da, mitten auf der Strasse. Die Stadt stand für kurze Zeit still. Einige Menschen um mich herum brachen in Tränen aus, die Frau neben mir sagte: „Gott segne diese Menschen!“ Plötzlich verlief alles ganz schnell, ich sah eine Menschenmasse auf mich zukommen, der Boden vibrierte. „Was ist denn in dem Haus?“, fragte das Mädchen ihre Mutter und diese antwortete nur: „Komm Linda, wir müssen sofort hier weg! Es ist zu gefährlich!“ Sie nahm ihre Tochter wieder bei der Hand und sie verschwanden hinter der nächsten Strassenecke. Ich lief intuitiv der Menschenmasse entgegen. Für mich waren es gefühlte Stunden, die ich brauchte um mich durch eine panische Menschenmenge zu quetschen. Dann passierte etwas Unfassbares, ein zweites Flugzeug flog in das andere Hochhaus! „Wo bin ich? Weshalb weckt mich niemand aus diesem Alptraum?“ sagte ich vor mich hin. Ich versuchte nun den Menschen den Weg zu weisen, doch für viele andere war es bereits zu spät. Sie wurden unter den Trümmern, der eingestürzten Hochhäuser verschüttet.

Man konnte fast nichts erkennen. Ich hörte Menschen die um Hilfe schrien, Menschen die Namen ihrer Angehörigen schrien. Man konnte den Schmerz spüren. Den Schmerz der Verletzten und der Suchenden. Meine Kollegen waren lange zuvor eingetroffen, sie versuchten zu helfen, zu bergen. Menschenleben zu retten. Einige Meter entfernt, hörte ich eine tiefe Männerstimme. Zuerst entdeckte ich eine Hand, dann seinen ganzen Körper, der eingeklemmt war. Der Mann lag da, sein Kopf war verletzt, er blutete. Ich versuchte ihm zu helfen, doch sein Unterkörper war vollkommen eingeklemmt. Er schrie vor Schmerzen und ich versuchte ihn zu beruhigen: „Mein Name ist Steward Nilsson“ Mühselig antwortete er: „Bob, mein Name ist Bob“, mehr konnte er nicht sagen. „Ich bin bei Ihnen, Bob“, ich legte meine Hand auf seine Schulter, „wir werden Sie hier rausholen!“ Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, seine tiefbraunen Augen sahen mich an. „Ich werde nicht weggehen Bob, ich versuche Hilfe zu holen!“ Ich richtete meinen Oberkörper auf und versuchte irgendjemanden zu finden. In meinem Kopf war alles klar, ich wusste eigentlich was zu tun war, das war mein Beruf. Ich schrie um Hilfe, meine Kollegen hätten mir helfen können, doch da war niemand. In weiter Ferne hörte ich die Sirenen. Ich kniete mich wieder zu Bob. „Bob, hören Sie die Sirenen? Hilfe wird bald da sein!“ Ich versuchte weiter seinen Unterkörper aus den Trümmern zu ziehen, aber ich hatte keine Chance. Alleine hatte ich keine Kraft, trotz dem Adrenalinschub, den ich verspürte. „Bob, wo kommen Sie her?“, fragte ich ihn. Er gab mir keine Antwort. Ich kniete mich zu ihm hin und fragte noch einmal: „Wo kommen Sie her, Bob?“ – Nichts. Keine Antwort. War es zu spät? Das kann nicht sein, er darf nicht tot sein. Mir wurde heiss und kalt. Noch einmal versuchte ich ihn heraus zu ziehen und sagte immer wieder seinen Namen. War es zu spät oder habe ich versagt? „Steward“, sagte er auf einmal mit ganz leiser Stimme, „Steward, bitte richten Sie meiner Frau, Mary aus, dass mir der Streit von heute morgen unendlich leid tut!“ – „Bob nein! Sie werden es ihr selbst sagen können, ich hole Sie da raus! Aber Sie müssen nun tapfer bleiben!“ Er unterbrach: „und dass ich sie liebe, meine Tochter Linda, ich liebe sie!“ Ich sah, wie sich seine Augen schlossen.

Er war tot.

Heute stehe ich hier und sehe dieses Loch, Jahre danach. Jetzt wird hier ein neues Gebäude gebaut. Hier, wo viele Menschen ihre Familie oder ihr Leben verloren.

Mein Blick löst sich vom Boden, ich drehe mich um und der Baustellenlärm wird leiser, bis er ganz verschwindet.

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